„Bist Du ein Mann oder eine Frau?“ Eine Chinesin saß neben mir im Bus. Dieser Bus war ausnahmsweise nicht überfüllt. Vor über 25 Jahren in Shanghai hatte ich sehr kurze Haare, und weil ich ohnehin so fremd aussah, verwirrte ich viele Menschen in Shanghai. Die Frau im Bus war nicht die einzige, die mir diese Frage stellte. Manchmal zupfte jemand dabei auch an meiner Kleidung. Oder fragte, nachdem meine Weiblichkeit festgestellt wurde: „Seid ihr Ausländerinnen nicht alle sehr freizügig?“

Und trotzdem: damals war ich als weiße Frau aus (West-)Deutschland auch in Shanghai privilegiert. Ich hatte Geld und konnte überall hingehen. Und ich hatte die Freiheit zu sagen, welche Aspekte – und auch Regeln – des (Zusammen-)Lebens in China mich interessierten, und welche nicht. Eine Freiheit, die ich mir selbstverständlich auch nahm, die ich aber erst Jahre Später als Privileg verstanden habe.

Mohamed Amjahid schreibt darüber, was er alles in Deutschland und mit den Deutschen erlebt, als Nicht-Privilegierter. Seine Erzählung von der Flüchtlingshelferin am Münchner Hauptbahnhof, die ihm, dem fließend Deutsch sprechenden Journalisten, unbedingt eine Seife schenken wollte („Soaaap is goood!“), ist so abenteuerlich, dass ich eigentlich hoffe, er hat sie erfunden. Dabei fehlt es Amjahid nicht am liebe- und respektvollen Blick auf die Menschen. Schließlich wendet er sich an diejenigen, die versuchen reflektiert und differenziert zu sein, manchmal aber eben auch scheitern.

Lesen Sie das Buch, lachen Sie über sich selbst, wenn Sie sich ertappt fühlen, und geben Sie die Klischees und heimlichen Rassismus in die Mottenkiste. (Schon wieder diese Kisten!)

Mohamed Amjahid, Unter Weissen. Was es heißt, privilegiert zu sein, Hanser 2017