Die Liebe zu China?

Die Deutsch-Chinesische Wirtschaftsvereinigung e.V. hat im vergangenen Jahr das Erich-Paulun-Institut gegründet. Ziel des Instituts ist es, Wissen über die kulturellen Verbindungen zwischen Deutschland und China in Geschichte und Gegenwart zu vermitteln, und die Bedeutung dieser Verbindungen für die Zusammenarbeit in der Wirtschaft und für Wissenschaft und Bildung aufzuzeigen. (www.erich-paulun-institut.de).
Am 22. März stellte sich das Institut in München vor. Namensgeber ist der deutsche Arzt Dr. Erich Paulun, der um 1900 in Shanghai ein Krankenhaus gründete und eine Medizinschule mitinitiierte, aus der später die Tongji-Universität in Shanghai und das Tongji-Medical-College in Wuhan wurde.

Dr. Erich Paulun

Dr. Erich Paulun

Der Präsident, Prof. Dr. Dr. h.c. Paul Gerhardt, spricht begeistert von Paulun, ebenso wie von dem Jesuiten Matteo Ricci, den im 16. Jahrhundert nur seine Kenntnisse der chinesischen Sprache und seine Liebe zum Land und seinen Menschen in China so erfolgreich gemacht hatten. Gerhardt erzählt auch von dem chinesischen Arzt Dr. Qiu Fazu, der in Deutschland studierte, als Arzt in Bad Tölz Häftlinge auf dem Todesmarsch in das Konzentrationslager Dachau rettete und später mit seiner deutschen Frau Loni König in China arbeitete und wirkte. Eine Beschäftigung mit den Biografien dieser Menschen lohnt sich zweifellos.
Nun haben Missionare und Ärzte oft – wenn auch nicht immer – andere Anliegen in der Welt als Geschäftsleute, dennoch: wenn Unternehmen und Unternehmer es sich zur Aufgabe machen, ihre geschäftlichen Kontakte durch Verständnis von Sprache und Kultur zu vertiefen, und sich diese Philanthropen der älteren und jüngeren Geschichte zum Vorbild machen, ist dies ein Unterfangen, dem ich nur Erfolg wünschen kann.
Allerdings ist Umsicht geboten: Wer beansprucht die Definitionsmacht darüber, was „die Liebe zu China und zu seinen Menschen“ ist? Ai guo 爱国, heißt „das (eigene) Land lieben“, aiguozhuyi 爱国主义 ist Patriotismus. Und der wird von der Chinesischen Regierung klar in ihrem eigenen Sinne propagiert.

Propagandaplakat: "Fördert patriotische Erziehung mit Massencharakter"

Propagandaplakat: „Fördert patriotische Erziehung mit Massencharakter“

Die Konfuzius-Institute, die sich weltweit und in etwa 20 Niederlassungen im deutschsprachigen Raum für die Vermittlung der chinesischen Sprache und Kultur zuständig fühlen, sind nicht unabhängig von der chinesischen Regierung, und so nennt es Mark Siemons mit Recht „bedrohlich“, wenn er Chen Lixia vom Konfuzius-Institut an der Pekinger Universität für Sprache und Kultur zitiert, die „neuen Sinologen“ sollten „China lieben und die chinesische Kultur verstehen“. („Zeit zum Teemachen ist für China sinnlos“, FAZ, 5.12.2012).
Wie weit diese Definitionsmacht über das „China-Lieben“ geht, zeigt zum Beispiel die Einreiseverweigerung für Tilman Spengler im Jahr 2011, als er in Peking bei der Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ teilnehmen sollte. Die Begründung war, Spengler sei eben kein „Freund des chinesischen Volkes“, was Spengler selbst durchaus anders sieht.
Es ist eben nicht immer selbstverständlich, und vielleicht auch nicht im Sinne eines geschäftlichen Erfolgs in China, dass das „Lieben des Landes“ auch beinhaltet, seine Probleme wahrzunehmen, und, dass die „Liebe zu den Menschen eines Landes“ nicht ausschließt, auch Menschen individuell zu schätzen, die mit der offiziellen Vertretung des Landes in Konflikt geraten sind.
Wenn es aber um die „Liebe zu China“ geht, geht es immer auch um eine Auseinandersetzung damit, wie die unterschiedlichen Akteure, mit denen zusammengearbeitet wird, diese definieren. Das wiederum sollte selbstverständlich sein.

2 comments

Zu Mark Siemons, der es mit Recht „bedrohlich“ nennt, wenn er Chen Lixia vom Konfuzius-Institut an der Pekinger Universität für Sprache und Kultur zitiert, die „neuen Sinologen“ sollten „China lieben und die chinesische Kultur verstehen“.
Ich finde es nicht bedrohlich, sondern bedauerlich, dass Journalisten wieder oder immer noch diese uralten, vorurteilsbehafteten Formulierungen wie „bedrohlich“ – was wieder sehr an die „gelbe Gefahr“ etc. erinnert – verwenden. Mit dem unaufhörlichen Bedienen dieser uralten Klischees kommt man in der Völkerverständigung und Diplomatie auch nicht weiter, und „zu Recht“ ist dieses „bedrohlich“ an dieser Stelle bestimmt nicht. Ich finde es schlichtweg unreflektiert.

„Bedrohlich“ ist vielleicht in der Tat ein etwas zu weit gegriffenes Reizwort, das dem journalistischen Interesse nach kernigen Aussagen dienen mag. In der Sache finde ich Siemons aber nicht unreflektiert. Ich möchte mir auch von niemandem anderem definieren lassen, was es heißt, China zu lieben, und ich möchte auch in Zukunft keine thematischen Tabus im Chinesischunterricht. Viele Universitäten, setzen sich gerade kritisch mit der Rolle der Konfuziusinstitute in ihren Abteilungen für Chinesisch und Chinastudien auseinander. Auch wenn manche der Argumente etwas dick aufgetragen sind, halte ich es für sehr berechtigt, zu hinterfragen, ob die chinesische Regierung (also nicht „China“) in ihren Verträgen im Ausland Staatstreue und damit Treue zur chinesischen Regierung fordern darf. In diesem Kontext hat Siemons die Dame vom Konfuziusinstitut verstanden, und dies sicher nicht zu Unrecht.
P.S. Gerade in diesen Tagen Anfang Juni schmerzt es, über China nachzudenken. Die westliche Presse war auch damals wenig differenziert, doch das von der chinesischen Regierung verordnete Totaltabu ist es noch weniger.

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