Robert Misik versucht sich in einem kleinen Büchlein, das letztes Jahr erschienen ist, an der Dummheit und sucht nach Wegen, sie zu stoppen. Ich versuche gerne, mich daran zu beteiligen.

Zunächst einmal beschreibt er die Dummheit in ihren heutigen Erscheinungsformen, etwa die Bereitschaft, krude Meldungen aus dem Internet zu glauben, scheinbare Beweise, Fotos unklarer Herkunft, bizarr interpretierte Statistiken, „alternative Fakten“.

Angebliche geheime Pläne zur „Umvolkung“ in Europa erscheinen manchen Menschen logisch. Die vielfältigen Gründe, die Menschen dazu bringen, Ihr Leben auf der Flucht zu riskieren und sich erschreckenden, demütigenden und hochgefährlichen Situationen auszusetzen sind da natürlich viel schwerer vorstellbar. Im Glauben an die abenteuerlichsten Theorien liegt allerdings nicht nur etwas Dummes, sondern auch etwas sehr Trauriges. Aber wenn ich „traurig“ schreibe, komme ich mir vor wie Donald Trump beim Twittern, wenn er mal wieder tippt: „Sad.“ Und jetzt steige ich nicht in eine Diskussion über das Verhältnis von Trump zur Dummheit ein.

Misik beschreibt Dinge, die nur für die Medien passieren, Meinungen, die nur für die Medien formuliert und inszeniert werden, zielgruppen- und kanalspezifisch. Natürlich ist es längst nicht mehr so, dass Medien über Realität berichten – mehr oder weniger wahrheitsgemäß. Was in den Medien ist, ist eine eigene Form der Realität, eine inszenierte und manipulierte Auswahl.

Ich habe eine Handvoll alter Freunde, die ich, weil sie in entgegengesetzten Winkeln der Erde leben, überhaupt nur noch durch ihre Selbstinszenierung in den sozialen Medien erlebe. Inszenierung ist falsch im Hinblick auf das, was davon verdeckt wird. Das Unvollständige ist falsch im Hinblick auf das Ganze. Eine verzerrte Realität entsteht.


Nachfragen üben


Wie ich übrigens auch, hat Robert Misik Verständnis für die Mechanismen, durch die in unseren Köpfen eine solche verzerrte Realität entsteht, denn an der einen oder anderen Stelle, sind wir alle diesen Mechanismen ausgesetzt. Wir alle sind manchmal dumm oder wenigstens denkfaul, verführbar, vereinfachend. Aber wir können das Nachfragen üben, anstatt unsere schlichten Bilder im Kopf stehen zu lassen und zu verbreiten und – schlimmer noch –diejenigen, die nachfragen, zu diskreditieren und als intellektuelle, politisch korrekte Gutmenschen zu verachten. Woher aber die Bildung? Von wem das Nachfragen lernen?

Als Lehrerin zum Beispiel ertappe ich mich immer wieder beim Dozieren. Ich meine, ich hätte etwas zu vermitteln, fachliche Dinge, aber auch Lebenserfahrungen, die ich weitergeben möchte. Viel interessanter wird es aber, wenn es mir manchmal gelingt, zu erkennen, dass jemand dabei ist, eine Denkerfahrung zu machen, und dieser Erfahrung durch Nachfragen Raum zu geben, damit sie sich entfalten kann und nicht im Geschehen des Unterrichts untergeht. Als Lehrerin stelle ich immer viel zu viele Fragen, deren Antwort vorgegeben sind, anstelle von echten Fragen, Fragen nach unterschiedlichen Beobachtungen, Wahrnehmungen und Möglichkeiten.

Das tägliche Scheitern all derer, die Erkenntnisse oder eine bestimmte Politik vermitteln wollen oder müssen, ruft zur Revolte. Wenn die Revolte allerdings im Irrsinn liegt, denen zu folgen, deren einzige Intelligenzleistung in perfektioniertem Eigennutz liegt, den Trumps oder Berlusconis, dann ist dies aberwitzig und (selbst-)zerstörerisch.


Misiks Rezepte gegen die Dummheit

Zunächst einmal eine realistische Einschätzung der Lage. Dazu gehört, zu erkennen, dass Demokratie und offene Gesellschaft keineswegs allen am Herzen liegen, dass aber die besonders Lauten und Dummen trotzdem nicht die Mehrheit sind. Dann die wichtige Erkenntnis, dass diejenigen, die das Gleiche tun, wollen, oder die gleiche Partei wählen, dies nicht unbedingt aus den gleichen Gründen tun. Das heißt, ein behauptetes „wir“, gibt es so nicht, kein Volk, nur eine Bevölkerung, die aus ganz unterschiedlichen Menschen besteht. Misik will vor allem auf die Vielfalt der Menschen und Haltungen hinweisen, die immer Raum für Argumente und Austausch lässt. Aber das ist nicht nur Anlass zur Freude. Schließlich werden die unterschiedlichen Motive oft hinter einem scheinbaren gemeinsamen Anliegen übersehen. Die Menschen verbünden sich dann mit anderen, die in Wirklichkeit ganz andere Beweggründe haben.


Auf Phrasen verzichten


Und dann wird Robert Misik ein wenig gemein, wenn er mit Gunter Dueck fordert, das genial Einfache gegen das dumm Einfache zu setzen, was aber natürlich nicht so einfach sei. Natürlich nicht! Denn es muss ja genial sein. Das bringt uns im Zweifelsfall nicht weiter, vor allem nicht in der spontanen Kommunikation, wenn der Unterkiefer mal wieder gefallen ist angesichts der Dummheit oder Dreistigkeit eines Gegenübers. Es braucht eine besondere Übung mit hängendem Unterkiefer genial zu sein. Gangbarer ist es da schon, Misiks Forderung zu folgen, in Gesprächen unbedingt auf Phrasen zu verzichten.

Die Aussage: „Du bist o.k., wie Du bist.“ ist verlockend angenehm. Rechtspopulistische Botschaften vermitteln den Menschen, sie seien allein dadurch bedeutend, dass sie irgendeiner Nation oder Gruppe angehören, und auch die eigenen Vorurteile – so bizarr sie sein mögen – seien völlig in Ordnung. „Du musst immer an Dir arbeiten, Dich erweitern und verbessern.“ kann dagegen schnell entmutigen, beweist aber progressives Denken. Mehr sagt Misik dazu eigentlich nicht. Fordert er nun ständige Arbeit an sich selbst? Welcher Art und in welchem Umfang? Und kann man die Forderung nach Selbstverbesserung im Interesse der Weltoffenheit und des „Ausgangs aus der eigenen Unmündigkeit“ so einfach abgrenzen gegen die Selbstverbesserung im Interesse ökonomischer (Selbst-)Ausbeutung?


Urteilskraft stärken


Urteilskraft muss gestärkt werden, und das Stellen von weiterführenden Fragen geübt. Hier verweist Robert Misik auf die Schulen. Dazu gehört auch die Ausbildung von Lehrkräften. Aber vielleicht täte es auch im Journalismus gut, wenn offene Fragen öfter formuliert würden, in der Wirtschaft und in der Politik.

Misik hat klug beobachtet, und auf relativ wenigen Seiten Wichtiges zusammengefasst. Aber seine Handreichungen zum Stoppen der Dummheit sind nicht leicht umzusetzen. Eine wirkliche Anleitung liefert er meist doch nicht. Und ich habe zugegebenermaßen auch keine. Aber wir arbeiten daran.



Robert Misik, Der Aufstand der Dummheit und wie wir ihn stoppen, 2017, edition a
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