Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios
Ganz selbstverständlich nimmt Ocean Vuong auch auf chinesische Autor*innen Bezug:
„Aber lass mich sehen, ob ich dir – mit dieser kleinen Scholle meiner Worte und meinem Leben als Grundstein – einen Mittelpunkt erschaffen kann.“ Qiu Miaojin
Qiu Miaojin, Last Words from Montmartre. New York 2014.
Weil Freiheit, so heißt es, nur der Abstand zwischen dem Raubtier und seiner Beute ist.
Die Zeile […] stammt leicht abgewandelt aus Bei Daos Gedicht „Komplizen“ (Notizen vom Sonnenstaat).
Bei Dao, Notizen vom Sonnenstaat. München/Wien 1991.
Ich sitze da mit meinen ganzen Theorien, Metaphern und Gleichungen, Shakespeare und Milton, Barthes, Du Fu und Homer, Meister des Todes, die mich am Ende doch nicht lehren können, wie ich meine Toten berühren muss.
Menschen aus China und Tiger Woods mit auch chinesischen Wurzeln.
Jenes Mal beim chinesischen Fleischer, als du auf das geröstete Spanferkel an seinem Haken gezeigt hast. „Die Rippen sind genau wie bei einem Menschen, der verbrannt wurde.“
„Warum sagen die, dass er schwarz ist?“, hattest du mich vor Wochen daheim in Hartford gefragt und auf Tiger Woods im Fernsehen gezeigt. Blinzelnd sahst du den weißen Ball auf dem Tee an. „Seine Mutter ist aus Taiwan, ich habe ihr Gesicht gesehen, aber die sagen immer schwarz. Sollten sie nicht wenigstens halbgelb sagen?“ …
Auf die Frage nach seinen Wurzeln nannte sich Tiger Woods „caschwinasiatisch“, ein Kofferwort, mit dem er seine ethnische Mischung aus chinesisch, thailändisch, schwarz, holländisch und indianisch umschrieb.
Während meiner Recherchen las ich einen Artikel der Daily Times von El Paso aus dem Jahr 1884, in dem es um einen weißen Eisenbahnarbeiter ging, der für die Ermordung eines ungeannten Chinesen vor Gericht stand. Das Verfahren war letzten Endes eingestellt worden. Der Richter, Roy Bean, führte an, dass die texanische Rechtssprechung zwar den Mord an einem Menschen verbiete, jedoch nur Weiße, Afroamerikaner oder Mexikaner als menschlich definiere. Der namenlose gelbe Körper wurde nicht für menschlich befunden, weil er nicht in ein Kästchen auf einem Blatt Papier passte.
Im 3. Jahrhundert setzte sich Triệu An gegen die Angriffe der Östlichen Wu-Dynastie während der Zeit der Drei Reiche zur Wehr und die Großmutter erzählt davon.
Es gibt eine Geschichte, die Lan gern erzählte, von der Herrscherin Triệu, der sagenhaften Kriegerin, die an der Spitze einer Armee von Männern den Einfall der Chinesen im alten Vietnam zurückschlug.
Bei der Arbeit auf einer Tabakfarm wird unser Protagonist für einen Chinesen gehalten.
Einer von ihnen winkte mich hinüber und sagte etwas, das ich nicht verstand. Als ich erwiderte, dass ich kein Spanisch spräche, schien er überrascht. Dann leuchtete sein Gesicht von der plötzlichen Erkenntnis auf. „Ah!“ Er zeigte auf mich und nickte. „Chinito. Chinito!“ Da es mein erster Tag war, beschloss ich, ihn ncht zu verbessern. Ich stimmte ihm zu. „Sí„, sagte ich lächelnd, „Chinito.“ …
Und ich hörte sie hinter mir, ihre Stimmen so unterschiedlich wie Sender in einem Radio. „Hasta mañana, Chinito!“ „Adiós, muchacho!“ Und ich wusste, welchen Männern die Stimmen gehörten….
Sein Kopf rollte auf die Seite, ließ eine dritte Speckrolle in seinem Nacken zum Vorschein kommen. „He – is‘ dieser Junge wieder da? Steckst du mit diesem Chinajungen zusammen, was? Weiß ich doch. Ich hör ihn. Spricht nicht, aber ich hör ihn.“
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios (2019), Übersetzt von Anne-Kristin Mittag, Carl Hanser Verlag
Bild: Nara, 2025