Im Oktober wird Lidia mit ihrer Familie nach Kasachstan evakuiert. In einem Güterzug geht die Reise durch ganz Russland – fast fünftausend Kilometer, eine Odyssee von über einem Monat durch das brennende Land, immer vor und zurück, bis an die Grenze nach China.
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Entweder geht die Reise auf dem Wasserweg weiter, auf einem Schiff, das sie auf der Donau über Serbien und Ungarn ins Deutsche Reich bringt, irgendwohin in die Nähe von Passau, oder sie werden in einem der Viehwaggons transportiert, die die nie versiegende Menschenfracht aus allen Himmelsrichtungen nach Deutschland befördern. Es sind Ukrainer, vor allem Ukrainer, aber auch Russen, Polen, Letten, Litauer, Esten, Bjelorussen, Aserbaidschaner, Tadschiken, Usbeken, Griechen, Bulgaren, Jugoslawen, Ungarn, Tschechen, Franzosen, Italiener und viele andere, sogar Chinesen sind dabei. Meine Mutter ist auf ihrer ersten Auslandsreise in internationaler Gesellschaft.
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Sie ahnt nicht, dass ihre Mutter noch lebt, vom Krieg aber zusammen mit ihrer Tochter Lidia ans andere Ende der Welt getrieben wurde, in die Evakuierung ins kasachische Alma-Ata, schon fast nach China.
Mit zwölf Jahren wurde er Schiffsjunge und arbeitete sich mit den Jahren hoch bis zum Kapitän. Er überlebte die Pocken, an denen er sich in Hongkong infiziert hatte, und soll als erster Italiener Afrika umsegelt haben.
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Der Teil des Hauses, in dem die Eigentümer selbst wohnen, Lidias und Sergejs Großeltern, gleicht einem Museum, in dem man Dinge aus allen Teilen der Welt bewundern kann. Seide aus China, Teppiche aus Indien, Elfenbeinfiguren aus Afrika, kostbare Mosaiken und Truhen aus Persien … und vieles mehr, was Theresa und Giuseppe von ihren Schiffsreisen mitgebracht haben.
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol (2017), Rowohlt