Globalisierung

1975: Richard Yates: Ruhestörung

„Ich war heute bei meinem neuen Arzt“, sagte er, als sie es sich auf ihrem weichen blauen Sofa bequem gemacht hatten und er sie so nahe zu sich herangezogen hatte, dass ihr Kopf an seiner Brust zu liegen kam.
„Ja? Wie ist er?“
„Sehr beschäftigt. Wahrscheinlich muss er seine Patiententermine zwischen Flügen nach Südafrika oder China oder weiß Gott wohin abwickeln. …“

1984: Julian Barnes, Flauberts Papagei

Man vergleiche den Fall seines alter ego Louis Bouilhet, der von China träumte und nie bis England kam.

Wir wissen, dass die Weltausstellung von 1851 seine unerwartete Zustimmung gewann – „eine sehr schöne Sache, obwohl alle Welt sie bewundert“ -, aber seine Aufzeichnungen über diesen ersten Besuch belaufen sich auf bloß sieben Seiten: zwei über das British Museum plus fünf über die chinesischen und indischen Abteilungen im Crystal Palace.

Er versucht, wie gesagt, im selben Maß Chinese wie Franzose zu sein.

2001: Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger

Die Offiziere waren Japaner, die Mannschaft kam aus Taiwan, und es war ein großes und eindrucksvolles Schiff. … Einer von ihnen warf mir eine Schwimmweste zu und rief etwas auf Chinesisch. … Es war ein Gesicht wie die Flügel eines Schmetterlings, weise und irgendwie chinesisch. … Seine Züge – das breite Gesicht, die flache Nase, die schmalen Augen mit der auffälligen Lidfalte – wirkten so elegant. Ich fand, er sah aus, wie ein chinesischer Kaiser. … Er sprach kein Englisch, nicht ein einziges Wort, nicht einmal ja oder nein oder hallo oder danke. Nur Chinesisch.

2001: Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle

Im frühen 17. Jahrhundert landet der Samuel Manasseh des Romans in einer „chinesischen Vorstadt“ von Amsterdam.

Die Ankunft in der Freiheit schockierte Manasseh. Die Familie verließ das Schiff, stieg über die schwankene Landebrücke hinunter auf das Pier, und er sah … Mauren, Türken, Chinesen – Das war Holland?

Sie gingen zunächst über den Zeedijk, wo sie den Eindruck hatten, sie wären in einer Stadt im fernen China angekommen. „Warum mumifizieren die Holländer sie?“ frage Manasseh angesichts von Hunderten braungeschrumpelt ölig auf Stangen hängenden Enten. „Nicht die Holländer. Die Chinesen machen das!“ sagte der Vater nicht, nicht die Mutter, sie gingen sprachlos an diesen Straßenhändlern vorbei, an Läden mit Aufschriften in fremden Schriftzeichen, den den Lampions und den Schälchen, aus denen eine Art Weihrauch aufstieg, süßer Weihrauch.

Die Rettung im Absoluten. Wenn es nicht das wäre, welchen Grund gäbe es sonst, Lisboa zu verlassen und sich in einer chinesischen Vorstadt von einem neujüdischen Dilettanten die Eichel spalten zu lassen, verdammt.

2005: Irene Dische, Großmama packt aus

Die anderen Zimmermädchen waren erfahren, das heißt, die schwere Arbeit hatte sie längst flachgehämmert. Sie sahen aus wie alte Nägel, die noch halb aus den Dielenbrettern hervorstanden. Sie sprachen ein knatterndes Spanisch oder Chinesisch.

2006: Ngũgĩ wa Thiong’o, Herr der Krähen

Er war afrikanischen, asiatischen und europäischen Firmenbossen begegnet, die allesamt dazu neigten, in schwarzen Aburĩriern potentielle Diebe zu sehen.

2007/2014: Teju Cole, Jeder Tag gehört dem Dieb

Während Indien die Software-Branche erobert hat und Länder wie China, Indonesien und Thailand erfolgreich in die Fertigungsindustrie vorgestoßen sind, ist Nigerias Beitrag eher bescheiden.

Am Eingang des Gebäudekomplexes steht an einem hoch aufragenden roten Tor: Chinatown. Chinatown in Lagos? Und tatsächlich wird uns hier erneut signalisiert: Das ist eine normale Stadt, oder zumindest eine Stadt, die Normalität anstrebt, vergleichbar mit New York, London, Vancouver und San Francisco mit ihren Chinatowns. Dieses hier erfüllt die Norm bis hin zu den chinesischen Schriftzeichen an den Fassaden. Die Chinesen sind angekommen. Überall sind sie zu sehen, als Händler, als Bauunternehmer, als Arbeiter. Lagos ist jetzt ihr Zuhause. Der Chinatown-Komplex wurde 1999 errichtet, dort verkaufen sie Stoffballen, elektronische Geräte, Küchenutensilien. Die Nigerianer kommen scharenweise, schon wegen der niedrigen Preise. Doch die Chinesen haben es nicht leicht. Die Händler haben enorme Schwierigkeiten, ihre Waren durch die nigerianischen Häfen einzuführen. Sie müssen saftige Schmiergelder zahlen, und die Lieferzeiten sind unberechenbar. Während meines Aufenthalts in Lagos lässt die Regierung vorübergehend alle Läden in Chinatown schließen, angeblich wegen Ermittlungen gegen einen CD-Kopierer-Ring. Aber nicht nur die Chinesen sind neu in der Stadt.

Sie hoffen von uns zu lernen, wie man chinesische Unternehmer produziert, daher Ihr Besuch.

2007: Dubravka Ugresic, „Ein Denkmal dem polnischen Wasserinstallateur“, in: Karaokekultur

Die Kroaten, offenbar müde geworden, immer wieder Denkmäler mit politischen Botschaften niederzureißen und neue zu errichten, haben neulich ein Denkmal für Bruce Lee enthüllt. Es wurde 2005 im Stadtpark Zrinjevac in Mostar aufgestellt, wo Bruce Lee schlicht den Kampf um Gerechtigkeit ohne komplizierte ethnische Konnotationen symbolisiert. Doch am Tag darauf wurde es bereits von unbekannten Vandalen demoliert.
Wenn Bruce Lee in Mostar und Rocky Balboa in Žitište ein Denkmal bekommen haben, warum sollen wir in Čačak einem authentischen Sexsymbol der achtziger Jahre nicht die Ehre erweisen?

2008: Heinrich Steinfest, Mariaschwarz

Lukastik nahm den Hamster und hielt ihn sich ans Ohr. Die Dame aus dem chinesischen Zirkus meldete sich.

2007: Dubravka Ugresic, „Einführung in die Sklavenhaltergesellschaft“, in: Karaokekultur

Und obwohl es auf den ersten Blick scheint, dass die Chinesen das Monopol auf elektronische Waren, die Türken und die Marokkaner auf Lebensmittel haben, handelt hier eigentlich jeder mit jedem. Sie alle – blasse Niederländer, dunkelhäutige Marokkaner, farbige Surinamis, gelbe Chinesen – tragen die gleichen Kleider, deren Preis zehn Euro nicht übersteigt, alle haben denselben Geschmack, alle kaufen die gleichen billigen Sofas, die gleichen Spielsachen aus Kunststoff für Ihre Kinder, die gleichen Fernsehgeräte, alle haben am Handgelenk die gleichen Armbanduhren.

2008: Dubravka Ugresic, „Ich bin eine Fremde“, in: Karaokekultur

Italien ist ein Land, in dem russische Kellner in italienischen Restaurants chinesische Gäste bedienen, sagte ein Russe, der frisch in Italien eingetroffen war.

2008: Dubravka Ugresic, „Serbisches Hollywood“, in: Karaokekultur

Sollte sich in unserer Welt ohne Grenzen diese lustige Teleportation von Symbolen fortsetzen, könnte es sein, dass man eines Tages die New Yorker Zwillingstürme in Shanghai findet …

2009/2010: Dubravka Ugresic, „Karaokekultur“, in: Karaokekultur

Gobelinstickerei als Hobby soll auch in China beliebt sein.

Gräber auf dem Zorgvliet-Friedhof in Amsterdam.

Auf einem anderen sah ich ein chinesisches Takeaway, frische Hühnerschlegel mit Reis in einer Plastikschachtel. Wer weiß, vielleicht hatten wir es da mit einer bezahlten Dienstleistung zu tun, vielleicht wird jeden Tag um die Mittagszeit frisches Essen ans Grab geliefert. … das Kreuz und der am Strauch daneben hängende indianische dream catcher, ein von einer Reise mitgebrachter, mit Silberfäden bestickter Damenpantoffel und ein buddhistisches Öllämpchen, ein Kunststoffbesteck aus dem Flugzeug und eine chinesische Holzrassel …

2010: Kristof Magnusson, Das war ich nicht

Der Rezeptionist hatte ein sehr schönes Gesicht, war wahrscheinlich halb Chinese, halb Europäer, eine Mischung, die ich schon immer charmant gefunden hatte.

2013: Chimamanda Ngozi Adichie, Americanah

Sie hatte geschickte Hände mit dicken Handflächen und viele Geschäftsinteressen; sie flog nach Dubai, um Gold zu kaufen, nach China um Frauenkleidung zu kaufen, und seit neuestem organisierte sie für eine Firma, die tiefgefrorene Hühner produzierte, den Vertrieb.

Tante Uju lachte und tätschelte die seidenen Extensions, die ihr bis auf die Schulter reichten: chinesisches Haar, die neueste Version, glänzend und glatt, wie es glatter nicht sein konnte; es verhedderte sich nie.

Sie trugen bestickte Kaftane und würzige Parfums, die chinesischen Extensions hingen ihnen auf dem Rücken, ihre Gespräche kreisten schonungslos um Materielles, ihr Lachen war kurz und verächtlich.

… als er durch Asien reiste, war er in China ständig Michael Jordan genannt worden;

Die Konversation war symphonisch, Stimmen flossen in Übereinstimmung ineinander: wie entsetzlich es war, die chinesischen Muschelpflücker so zu behandeln, wie absurd die Idee von Gebühren für höhere Bildung, wie lächerlich die Stürmung des Parlaments durch die Befürworter der Fuchsjagd.

Stephanie, chinesischer Abstammung, ihr Haar ein perfekter schwingender Bob, der auf Kinnhöhe nach innen gewellt war, langte hin und wieder in ihre Handtasche mit Monogramm, nahm eine Zigarette heraus und ging hinaus, um zu rauchen.

Lasst schwarze Reisende wissen, was sie erwartet. Man wird zwar nicht erschossen, aber es hilft, wenn man weiß, wo die Leute einen anstarren. Im deutschen Schwarzwald wird ziemlich feindselig gestarrt. In Tokio und Istanbul waren alle cool und gleichgültig. Ich Shanghai wurde intensiv gestarrt, in Delhi fies. … Abends versammelten sich sechs oder sieben Freunde in seinem Zimmer, alle weiß, bis auf Min, den großen chinesischen Jungen, dessen Eltern an der Universität lehrten.

„Wie war’s in China?“, fragte Obinze. „Diese Chinesen, ehn. Ein sehr gerissenes Volk. Meine idiotischen Vorgänger in dem Projekt haben alle möglichen unsinnigen Geschäfte mit den Chinesen  unterschrieben. Wir wollten ein paar Vereinbarungen revidieren, aber dann kamen fünfzig Chinesen zu der Besprechung und brachten Papiere mit und haben nur gesagt: ‚Unterschreiben Sie hier, unterschreiben Sie da.‘ Sie zermürben Dich mit Verhandlungen, bis sie dein Geld und auch deine Brieftasche haben.“

… die großen Ölfirmen haben sowieso vor, sich aus der Ölförderung an Land zurückzuziehen. Sie wollen sie den Chinesen überlassen und sich nur noch auf Offshore-Förderung konzentrieren.

2014: Nino Haratischwili, Das achte Leben (Für Brilka)

Man klaute Gips, Farbfernseher der Marke Rubin, die Schnittmuster aus der Burda, Zement, Analgin, Thermoskannen aus China mit roten Blumen darauf, Wolle Kondensmilch, Brillengläser, Schulhefte für drei Kopeken, Körperpuder, beige Polyestersocken, Pelze, Schneeanzüge (auch in Regionen, in denen es nicht schneite), Kameraobjektive, grüne Plastikschüsseln, Einweggläser, Schallplatten (egal von wem), Zigaretten der Marke Kosmos oder Astra oder Rasierwasser der Marke Hygiene.

Die weißen Strümpfe aus China, die Gobelins mit Jagdszenen an den Wänden, die Mischka im Norden-Schokoladenbonbons, die Estragonlimonade bei Lagizes.

2015: Tessa Hadley, The Past

— The trouble with capitalism, Alice said, — is that it’s always predicated on growth. But we can’t go on just making more and more things, and using up more of the earth’s resources, we have to cut carbon emissions, to begin with.
— Are you serious? Is there anybody who seriously still thinks there’s time for that? Do you imagine that Chinese heavy industry can run on sunshine?
— We have to live differently. We have to learn to do without things.
— Tell that to the Chinese.

2016: Juli Zeh, Unterleuten

Soziale Ungerechtigkeiten ließen sich bestens legitimieren, indem man darauf verwies, dass Wirtschaft und Wohlstand andernfalls nach China abwandern würden.

Elena hatte nichts gegen die Stadt; sie hatte auch nichts gegen London, Washington oder Peking, solange sie nicht hinfahren musste. Sie würde in Hamburg oder München leben, vielleicht sogar in New York oder Singapur, und schon ihre Kinder würden nichts mehr davon ahnen, dass sich ihre Vorfahren eine kümmerliche Existenz aus dem Märkischen Sand gekratzt hatten.

2018: Liane Moriarty, Nine Perfect Strangers

Masha’s accent, usually just a flavor, sounded more pronounced than usual to Yao. Yao’s parents were the same. They sounded extra Chinese when they were stressed about their internet service or health.

… he ended up getting a job as a translator of Chinese legal documents. It was dull, laborious work, but it paid the bills.

2019: Giulia Becker, Das Leben ist eins der Härtesten

… DIE Restpostenkette, mit dem einen Namen, den wirklich jeder kennt, RAMBAZAMBA oder RUCKIZUCKI. Irgendwann dann international, Österreich, Schweiz, China.

2020 (2019): Mieko Kawakami, Brüste und Eier

Makiko berichtet, wie Jingli, die chinesische Mitarbeiterin in der Bar, von der Armut ihrer eigenen Familie erzählt, und von den Schwierigkeiten, das studium in Japan zu finanzieren.

Aber du bist ein Mädchen, hätte ihr Opa gesagt, Mädchen brauchen keine Bildung, wenn man Geld in die Hand nähme, dann für ihre Brüder … Jingli ist klug. Sie denkt, wenn ich Japanisch spreche, kann ich in Japan arbeiten, und fängt an zu lernen. Sie hat übrigens nur mit einem Buch gelernt, mit einem ganz alten obendrein, deshalb sagt sie zu den Gästen manchmal so was wie: ‚Das ist lobenswürdig!‘ anstatt ’super‘ oder so, aber egal. … Aus meinem Dorf war noch niemand auf der Universität, sagt sie, die Augen voller Tränen. Um das nötige Geld dafür aufzubringen, hätten ihre Eltern trotz Anfeindungen und Beschimpfungen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Dafür wolle sie etwas aus sich machen, fleißig lernen, einen Abschluss machen und ihren Eltern eine gute Tochter sein, sagt sie. Das Studium sei teuer, aber sie versuche zu sparen, deshalb arbeite sie in der Bar, sie versuche das Beste, das sei sie ihren Eltern einfach schuldig.

Dann findet Suzuka heraus, dass Jinglis Stundenlohn in der Bar höher ist als ihr eigener.

Am nächsten Tag stellte Suzuka Mama Chanel zur Rede. Sie stritten, und das war’s.
‚Das Mädchen kommt aus China, Mensch! Studiert, obwohl sie noch nicht mal richtig Japanisch kann, und legt sich für ihre Familie krumm‘, sagte Mama Chanel. ‚Ich komme aus Korea und lege mich auch für meine Familie krumm‘ erwiderte Suzuka weinend. ‚Aber Jingli ist jung. Und auch wenn sie hinterm Tresen nichts taugt, siei st Studentin. Eine Studentin in der Bar hat ihren Preis, so ist das nun mal‘, sagte Mama Chanel.

Im Fernsehen liefen die Olympischen Spiele von Peking.