Nach verschiedenen Stationen der Flucht erreicht Ida endlich die USA. Als sie dort gleich an ihrem ersten Tag chinesisches Essen bekommt, scheint sich die erlebte Fremdheit der Flucht zunächst fortzusetzen, doch dann ist das Gericht, das eine Wantan-Suppe gewesen sein mag, als „Maultascherln“ unerwartet vertraut. Doch Ida bekommt keinen Zugang mehr, weder zum Neuen, Fremden in den USA noch zum eigentlich Vertrauten.

„Wir haben drei Stunden. Wollen Sie vielleicht etwas zu sich nehmen?“
„Was schlagen Sie vor?“
„Hier in der Nähe gibt es einen chinesischen Imbiss.“
„Chinesisch!“ Ida lachte ungläubig. „Solange es keine Linsen sind. Die habe ich in Marokko zur Genüge gehabt.“

Resolut bugsierte sie eine bleiche Teigtasche in ihrem Mund.

Nicht schlecht, dieses chinesische Maultascherl, wirklich, und die Brühe war auch schön kräftig.

Wenn man sich zu erinnern versucht an dieses New York, aber da ist nichts außer dem feinen Lächeln eines Martin Magner und dem Geschmack von chinesischem Essen. Wenn dieses fremde Essen eigentlich eine gute Stärkung war, aber der Körper nicht nur schwankt, sondern bis hinter die Augen vibriert und keine Zigarette etwas dagegen ausrichten kann und noch eine nicht und eine weitere auch nicht.

Dann machte er aus dem Taktstock doch noch Besteck und fischte Reis aus seiner Schüssel. Sein Ausdruck wurde weich.
„Morgen kommen Diantha und die Kleine nach Hause.“
Ida tunkte ungerührt ein Dim Sum in die Soße.
„So aufgeweckt ist sie, Mama. Und hübsch, sag ich Dir. Wunderhübsch.“
Ida legte die Gabel mit der Teigtasche wieder ab.

So drückte sie tapfer Magners Hand und sagte, wenn der Kurt endlich wieder in der Stadt sei, dann müssten sie unbedingt einmal zusammen zum Chinesen.
„Aber äußerst gern! Es freut mich, dass ich Sie damals auf den Geschmack hab bringen können“, erwiderte Magner.
„Und ob“, sagte Ida, obwohl ihr gerade gar nicht nach Essen war.

Zitate aus: Katharina Adler, Ida, 2018, Rowohlt
Foto: München Baumblüte, 2020