Im frühen 17. Jahrhundert landet der Samuel Manasseh des Romans in einer „chinesischen Vorstadt“ von Amsterdam. Dort gibt es zum Beispiel chinesische Ladenschilder, Lampions und braune, zum Trocknen aufgehängte Enten.

Die Ankunft in der Freiheit schockierte Manasseh. Die Familie verließ das Schiff, stieg über die schwankene Landebrücke hinunter auf das Pier, und er sah Neger, Mulatten, Mauren, Türken, Chinesen – Das war Holland?

Sie gingen zunächst über den Zeedijk, wo sie den Eindruck hatten, sie wären in einer Stadt im fernen China angekommen. „Warum mumifizieren die Holländer sie?“ frage Manasseh angesichts von Hunderten braungeschrumpelt ölig auf Stangen hängenden Enten. „Nicht die Holländer. Die Chinesen machen das!“ sagte der Vater nicht, nicht die Mutter, sie gingen sprachlos an diesen Straßenhändlern vorbei, an Läden mit Aufschriften in fremden Schriftzeichen, den den Lampions und den Schälchen, aus denen eine Art Weihrauch aufstieg, süßer Weihrauch.

Die Rettung im Absoluten. Wenn es nicht das wäre, welchen Grund gäbe es sonst, Lisboa zu verlassen und sich in einer chinesischen Vorstadt von einem neujüdischen Dilettanten die Eichel spalten zu lassen, verdammt.

Robert Menasse, Die Vertreibung aus der Hölle, 2001, Suhrkamp
Foto: Museo Revoltella, Triest, 2017