Wieder einmal sind es vor allem die Restaurants, durch die Chinesisches Eingang in Erzählungen und Lebenserinnerungen findet.

Ein paar Monate lang zog mein Vater mit seinen neuen Freunden Nacht für Nacht um die Häuser, sie gingen ins Theater Na zábradlí, sie aßen beim einzigen Chinesen der Stadt und betranken sich hinterher im Bystrica, und eines Abends kam er dann endlich mit Miloš Forman ins Gespräch.

… und dann verwandelte sich das Gesicht des Ungetüms ein letztes Mal, die gelbe Haut überspannte plötzlich Mund Nase und Stirn wie bei einem uralten Chinesenkaiser, die Augen blickten matt, wie von einer schrecklichen Sonne gebleicht, die Ohrläppchen, groß und zerfurcht, waren mit grauen und weißen Haare übersät, der Kopf zitterte, und in den Mundwinkeln hingen weiße Krümel.

„Ein trauriger Sohn für Pollok“, 1994

Bei dem letzten Abendessen war aber alles anders gewesen. Die Eltern nahmen sie das erste Mal zum Chinesen mit, dem einzigen, den es in Prag gab, und noch bevor sie die Speisekarten bekommen hatten, find Vater an zu sprechen. Zuerst erklärte er ihnen, dass sie in einem der besten chinesischen Restaurants Europas waren – die Köche hier seien zwar Tschechen, hätten aber in China ihr Handwerk gelernt. Auch die Ausländer aus dem Westen wüssten das, er habe schon oft gehört, wie sie den Pragen Chinesen lobten, und er sei sehr traurig, dass er in den nächsten Monaten nicht die Möglichkeit haben würde, wieder herzukommen. … Während er die erste süßsaure Suppe seines Lebens aß, während er immer wieder den schweren Porzellanlöffel in seiner Hand wiegte, während er das scharfe Kung-pao fast schon so geschickt wie ein Chinese mit den Stäbchen in sich hineinschaufelte und den von den gebratenen Bananen tropfenden Honig vom Teller leckte, dachte er nur, wie schön dieser Abend war.

„Bernsteintage“, 2004

Am Samstag dann, wie immer, traf sich Ernst mit Elsa. Sie aßen gemeinsam in einem chinesischen Restaurant am Hauptbahnhof zu Mittag und redeten dabei über Elsas Scheidung.

„Die schönen Stimmen der Erwachsenen“, 1994

Ich war, erinnere ich mich auf einmal wieder, damals schnell müde geworden, und nachdem ich den zweihundertsten Demonstranten gezählt hatte, schlief ich in Vaters Armen ein, und später waren wir dann zum Chinesen gegangen, und ich aß zum erstem Mal in meinem Leben süßsaures Hühnerfleisch.

„Der Anfang der Geschichte“, 1994

Zitate aus: Maxim Biller, Sieben Versuche zu lieben, 1994, Kiepenheuer & Witsch
Foto: Aquazoo Löbbecke, Düsseldorf, 2018