Wir sind das Volk!

Wir schaffen das! – Naa, mir brauchen die Asylanten net.

Yes, we can!

Überall steht dieses „wir“, von dem sich manche angesprochen fühlen und andere nicht. Je nachdem, wer da „wir“ sagt, schließt es eine größere Zahl von Menschen ein oder aus, denn genau das ist die doppelte Funktion des „wir“: Einbeziehen und Ausschließen.

Im Chinesischen gibt praktischerweise es zwei Worte für „wir“, eines, das die Angesprochenen mit einbezieht, und eines, bei dem das zumindest offen ist.

Meistens ist das politisch genutzte „wir“ gruselig in seiner Arroganz.

Es funktioniert dann wie der Volksbegriff von Mao Zedong: in dem sind schlichtweg „alle gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen, die sich der sozialistischen Revolution widersetzen“, Feinde des Volkes. Das „wir“ ist verdächtig, weil unklar ist, ob in den Filterblasen alle anderen gar nicht erst wahrgenommen werden, oder eben gleich knallhart ausgeschlossen sind.

„Yes, we can!“ war dabei natürlich genial, weil der konkrete Inhalt dieser Selbstermächtigung dehnbar und offen blieb, und damit auch die Grenzen des „wir“.

Klar ist: wer „wir“ sagt, meint auch sich selbst.

Es ist Samstagmorgen. Ich lese in einer schon etwas älteren Süddeutschen Zeitung mal wieder etwas zum Leiden der SPD. Ich hole einen Leuchtstift und markiere, was in nahezu jedem Zitat der SPD-Politiker_innen steht: „die Menschen“.

Die Menschen in Bayern können sich auf das Wahlprogramm der SPD freuen. (Ich sehe die strahlenden Gesichter schon vor mir.)

Die Menschen erwarten sich von der Politik …

Die Menschen wollen diese markigen Sprüche nicht mehr.

Die Themen, die die Menschen im Land bewegen …

… dass die Menschen einfache Antworten auf immer komplexer werdende Fragen wollen.

Das ist gut gemeint. Es soll eben niemand ausgeschlossen werden. Die SPD wendet sich an alle, arbeitet für alle. Nur wissen dummerweise alle Menschen, dass eben nicht alle Menschen das gleiche erwarten oder wollen.

Wer soll sich angesprochen fühlen? „Die Menschen“ sind weder „wir“ noch „ihr“, sondern „die anderen“.

Zum Schluss des Artikels steht eines der Herzensanliegen der SPD: „Den Menschen (den Anderen) beweisen, dass wir (die SPD) uns um ihre Probleme kümmern.“ Und da liegt der Hund begraben! SPD-Politiker_innen gehören auch zu den Menschen! Wenn wir in der SPD „Nähe zu den Menschen“ fordern, schwingt aber für Viele das Gegenteil mit, dass „wir“ nämlich selbst gar nicht „die Menschen“ sind. Wir schließen uns gewissermaßen selbst aus.

Geben wir es doch einfach zu: Wir arbeiten für die Verwirklichung von Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität, weil das die Ziele sind, die wir für die Welt anstreben. Und deswegen ist die SPD großartig.

Wir wenden uns an alle, die diese Ziele teilen, und haben damit ein „wir“ und ein „ihr auch“. Und dann füllen wir gemeinsam unsere Ziele mit Inhalt und arbeiten daran, dass „wir“ wieder mehr werden.